Aktiv und präventiv

(29.6.2004)

Kriminalität unter Jugendlichen und wie Vereine vorbeugen können.

"Jugendkriminalität - Chancen und Herausforderungen der verbandlichen Jugendarbeit" war der Titel eines Symposiums,zu dem das Online-Jugendportal "BlackTower" geladen hatte. Bbr. Robert Kert war als Experte mit dabei.

Unter der Leitung von "BlackTower" - Chefredakteur Clemens Appl v. Prometheus, TKW, diskutierten Experten und Vertreter von Jugendorganisationen über das Thema Jugendkriminalität und wie Jugendorganisationen dazu beitragen können, ihr entgegenzuwirken.

"Traue keiner Statistik ..."
Gerhard Brenner vom Bundeskriminalamt griff zum Einstieg auf die Kriminalstatistik zurück und stellte fest, dass heute mehr angezeigt werde als früher. Allein daraus könne man aber noch keinen Anstieg der Kriminalität ablesen, denn "Statistiken kann man so und so lesen", was Brenner sehr anschaulich illustrierte: Wenn es mehr Polizeieinsätze gebe, würde sich das auf die Zahlen in der Statistik niederschlagen, wenn an Polizeikräften gespart werde, würden eben entsprechend weniger Fälle ausgewiesen. Dass die Zahl der Anzeigen steige, liege außerdem schlichtweg daran, dass "heute jeder versichert ist". Und für einen Versicherungsfall brauche man nun einmal eine Anzeige.

Zudem habe in der Bevölkerung ein Umdenken eingesetzt, was die Prioritätensetzung angeht. Habe früher noch der Schutz vor Einbruch und Diebstahl im Vordergrund gestanden, so würde heute die Prävention hinsichtlich Jugendkriminalität, Drogenkonsum und Sexualdelikten als besonders wichtig angesehen.
13,5 Prozent der im Jahr 2003 angezeigten Straftäter sei 18 Jahre alt oder jünger gewesen. Statistisch sei ein stetiger leichter Anstieg zu verzeichnen. An Delikten wurden in erster Linie Vandalismus, Mopeddiebstahl und Drogenbegleitdelikte wie Straßenraub oder Trafikraub verzeichnet. Motive seien in der Regel die Mutprobe, Gruppendruck oder ganz einfach nicht vorhandenes Unrechtsbewusstsein. Klar unterschieden werden müsse zwischen Jugendzeitrechtsbrechern und chronischen Rechtsbrechern, weil jugendliche Straftäter oft nur aus mangelndem Selbstvertrauen falsch handelten oder weil sie Gewalt am Vorbild gelernt haben, beispielsweise durch Computerspiele. Der chronische Lebenslaufverbrecher hingegen blicke häufig auf eine längere Geschichte zurück, in der er Gewalt in der Familie oder der Gruppe erfahren habe. Ganz allgemein sei Jugendkriminalität jedenfalls immer auch ein Spiegel der Gesellschaft.

Angemessene Strafen für Jugendliche
Univ.-Ass. Bbr. Dr. Robert Kert v. Tacitus vom Institut für Strafrecht an der Universität Wien erklärte, dass das Jugendstrafrecht auf alle 14- bis 18-jährigen angewandt wird. Eine eigene Gruppe sei auch noch jene der 18- bis 21-jährigen. Das Jugendstrafrecht sehe Maßnahmen vor, die sich vom Erwachsenenstrafrecht unterschieden. So gebe es einen viel umfangreicheren und differenzerteren Katalog an Maßnahmen, die als Straffolge gewählt werden könnten. Damit solle sichergestellt werden, dass auf die besondere Situation Jugendlicher am angemessensten reagiert werden könne. Schließlich sei es nicht sinnvoll, dem Jugendlichen die Zukunft zu verbauen. Deshalb sehe das Gesetz Möglichkeiten wie den "außergerichtlichen Tatausgleich" vor, bei dem der Täter mit dem Opfer zusammenkommt und den entstandenen Schaden wiedergutmacht. In vielen Fällen würden auch Urteile ausgesprochen, ohne dass eine Strafe verhängt wird. 85 Prozent der Verfahren würden überhaupt ohne förmliches Urteil beendet. Oft reiche sogar schon der Kontakt mit der Polizei aus, um aus dem Fehler zu lernen. Die Verhängung "normaler Strafen" wie bei Erwachsenen würde kontraproduktiv wirken. Die jungen Menschen würden diesfalls aus der Gesellschaft gedrängt statt zurückgeführt; sie würden in Gefängnissen auch mit Leuten in Kontakt kommen, der nicht gut für sie wäre. Strafen sollten daher immer das letzte Mittel sein. 
Was das angedrohte Strafausmaß angeht, so begnügten sich die Sonderbestimmungen für Jugendliche mit der halben Höhe wie bei Erwachsenen. Weitere verfahrensrechtliche Besonderheiten seien etwa die Möglichkeit, Vertrauenspersonen hinzuzuziehen oder eine Jugendgerichtshilfe. Bei der Berichterstattung durch Massenmedien bestehe ein besonderer Schutz durch das Recht auf Nicht-Veröffentlichung des Bildes. Sollte es schlussendlich zum Strafvollzug kommen, so werde dieser in eigenen Anstalten oder Abteilungen praktiziert. In diesem Zusammenhang kritisierte Kert das Zusperren der Jugendgerichte, "um die uns andere Länder beneidet haben", als falschen Weg. Mit den nunmehr zur Verfügung stehenden Mitteln sei die besondere Behandlung von Jugendstrafsachen kaum mehr möglich.
Die Ursachen der Kriminalität lägen oft in sozialer Desintegration. Jugendorganisationen könnten hier eine wichtige Rolle spielen, weil sie Jugendlichen ein soziales Umfeld geben können, in dem sie sich verwirklichen und entfalten können und in dem sie ernst genommen werden. Das sei zwar noch keine Garantie, aber eine gute Prävention.

Jugend ist nicht schlechter geworden
Mag. Josef Hollos, Leiter des Jugendreferats des Landes Wien, meinte, man müsse die Jugend immer im Zusammenhang mit dem Umfeld beurteilen, das ihnen von der Gesellschaft, aber auch von den Eltern oder den Medien geboten werde. Die Jugendlichen von heute seien jedenfalls sicher nicht besser oder schlechter, als sie es früher waren.
Früher habe man von Wohlstandskriminalität gesprochen, heute gehe es meist um Beschaffungskriminalität: " Viele machen Blödheiten, weil sie in einer Notlage sind." Für die Stadt Wien sei die Prävention vorrangig, hier gebe es auch entsprechend gut ausgebaute Angebote mit Anlaufstellen, Jugendzentren, Streetwork oder der mobilen Prävention. Insgesamt stelle Wien für Jugendarbeit 29 Millionen zur Verfügung, auch Jugendorganisationen würden stark unterstützt. Hollos konzedierte, dass es Jugendorganisationen heute nicht leicht hätten. Das sei nicht zuletzt ein Problem mangelnden Bindungswillens.

Verantwortung übernehmen,
Konfliktlösung lernen


Für den Wiener Stadtverband des MKV strich Mag. Gregor Lebschik v. Churchill, TKW, heraus, was Jugendorganisationen leisten können, um Jugendlichen die "Spirale der Kriminalität" von vornherein zu ersparen, nämlich Chancen und Möglichkeiten zur Verantwortung zu geben und Konfliktlösungsmechanismen zu erlernen. Das sei gerade in kleinen Gruppen wie Studentenverbindungen sehr gut möglich. "Was leider alle Jugendorganisationen zu spüren bekommen, ist eine immer stärkere 'Ist mir egal'-Stimmung bei jungen Menschen. Gesellschaft geht uns aber alle an!" sagte Lebschik.

Gemeinschaft beugt am besten vor
Mag. Wolfgang Mohl präsentierte das Konzept, mit dem die österreichische Jungarbeiterbewegung arbeitet. Sie betreibt in ganz österreich 22 Wohnheime, die "zweite Heimat" werden sollen und in denen es eine Vielzahl an Veranstaltungen gebe. Schon die Architektur der Heime sei so angelegt, dass es zu Begegnungen komme, wozu unter anderem Fitnessräume, Tischtennis-Räume usw. beitrügen. Auf diesem Weg solle es leichter gemacht werden, "einander Zeit zu schenken, bei Problemen zu helfen, Rücksichtnahme und Toleranz zu lernen - und zu lernen, dass am meisten herauskommt, wenn man etwas gemeinsam tut". Gemeinschaft zu schaffen sei die nachhaltigste Form der Prävention.

Fokus Schule
Jakob Fischill, selbst Schülerverteter an einer höheren Schule in Wien, meinte, Diebstahl sei gar nicht mehr das große Problem, ganz oben auf der Liste stünden vielmehr Gewaltverbrechen. "Es ist auffallend, dass die Leute immer aggressiver werden", sagte Fischill. Zur Rolle der Jugendorganisationen meinte er, bei diesen könne man nur den kleineren Teil der Zeit verbringen, während man die meiste Zeit in der Schule sitze, wo sehr großer Gruppendruck herrsche. Die Situation an den Schulen sei deshalb von vorrangigem Interesse.

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